Theo Eggink

 

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Auf die Frage, wie man einen Puppenkopf schnitze, hat Theo Eggink einmal gesagt: "Man nehme einen Lindenholzklotz, schneide alles überflüssige weg und übrig bleibt der Kopf."

Zu Theo wäre zu sagen: "Man nehme einen Menschen, lasse ihn sich von allem Unwesentlichen befreien - und übrig bleibt eine Persönlichkeit."

Bonmots. . . .

Verschwiegen beim einen das Lernen, der Fleiß, die Begabung, die Phantasie, das Ringen um den Typ, die Form, den Schnitt.

Verschwiegen bei beiden die Qualität des Stoffes.

Verschwiegen beim anderen. . . . ja, was ein Mensch uns verschwieg, möchten wir plötzlich erfragen, wenn er von uns gegangen. Dazu ist es zu spät - nicht einmal das bürgerliche Pensionsalter hat er erreicht.

Ich hatte einen Künstler erwartet, einen Bildhauer, als ich zum ersten Mal seine Werkstatt betrat. Wallendes Haar, Bart vielleicht, Kleidung unkonventionell. Vital der Kerl, der eine Welt voller Typen - samt Unter- und Oberwelt - aus dem Baumstamm herausschlug. Fand einen schlichten Menschen, unauffällig gekleidet zur Alltagsarbeit wie ein Handwerker - die Aura eines "Künstlertums" nirgendwo auch nur andeutend. Behutsame Hände, bezaubernd anzuschauen im Umgang mit Werkzeug und Holz.

Zarte Hände - nicht erst, als das abgelagerte Lindenholz knapper und damit teurer wurde. Kostbar war es ihm immer - er wusste, was darin verborgen war an hundertfältigem Lachen und Weinen, an Dummheit und Stolz, an Bosheit, an Liebenswürdigkeit .

Mit ernstem Gesicht, gesammelten Zügen schnitt er das Lachen aus dem Block. Mit der Andacht eines Madonnenschnitzers führte er das Messer über des Teufels Fratze.

Wenn er dann seine Arbeit unterbrach und wir scherzend plauderten, dann tauchte zuweilen allerdings das verschmitzte Lachen seines Seppel in seinem Gesicht auf. Und im Umgang mit seinen Kindern wurde er ganz frei und heiter.

Oft jedoch ein zweifelnder, fast ängstlicher Zug. Dann, wenn Theo "ausgestellt" werden sollte. Den zahlreichen Besuchern, die seine Werkstatt besichtigten und ihn bestaunen wollten. Oder gar bedeutende Worte aus dem Munde eines Künstlers zu hören erwarteten. Er war so bescheiden und fast menschenscheu.

Und wenn er in seinem Leben so viele Puppenköpfe geschnitzt hat, lag das weniger daran, dass ihm die Arbeit leicht fiel. Eher, weil er nie saß und über Kunst redete oder auf Godot wartete, sondern arbeitete.

Er wusste, dass er gebraucht wurde. Die Stunden des großen Erfolges seiner Schöpfungen im Spiel der "Hohnsteiner" erlebte er nicht mit, er kannte sie vom Hörensagen. Und stand derweilen an seiner Schnitzbank, die kommenden mit vorzubereiten.

Wer weiß, was er andernfalls noch geschnitzt hätte. Seine skurrilen Scherenschnitte scheinen noch einen ganz anderen Theo Eggink zu zeigen. Aber für ihn gab es keine Diskussion um Stile und Themen. Da war Max Jacobs Kasper, der in die Welt der Märchen, der Sagen, der Abenteuer hinauszog. Und Theo belebte diese Welt, die der Kasper entdeckte.

War er misstrauisch gegen sich selbst? Jedenfalls gab es stets einen kleinen oder größeren Aufstand, wenn ein neuer Typ geschaffen werden sollte. Vielleicht hat ihn auch das Lampenfieber des Puppenspielers, das zur Geburt des Hohnsteiner Negertanzes führte, nie ganz verlassen. Aber, soweit ich weiß, hat er nie eine Aufgabe zurückgegeben. Und was er annahm, gelang ihm.

Wir wissen, wie schwer es einem Künstler wird, seine ihm liebgewordenen Werke aus der Hand zu geben. Wie oft mag er sich gefragt haben, in wessen Hände der Kopf geraten würde, den

er gerade unter dem Messer hatte: in eine Familie, gehütet von Eltern und Kindern, geliebt von allen? Zu einer Bühne, Abend für Abend kunstvoll belebt vor einem faszinierten Publikum?

Laut Etat bestellt von irgendeiner Institution, verstaubend in einem Karton, weil niemand zu spielen verstand? Kinderspielzeug, verbraucht im Liebhaben, Wegwerfen und Wiederhervorholen?

Trotzdem war jeder Schnitt inbrünstig geschnitten im Dienst an seiner Kunst und an dem gemeinsamen Werk der Menschen, zu denen er gehörte. Tricks waren ihm fremd. Verkaufstricks, um zu Geld zu kommen. (Er signierte nicht einmal seine Köpfe.) Auch legte er sich keine Eigenwilligkeiten zu, Marotten, um für einen Künstler besonderer Prägung gehalten zu werden.

So hinterließ er nicht das Vermögen, das seinen Namen in einer Stiftung bewahren könnte. Nicht die attraktiven Stories, seine Biographien zu einem Bestseller zu machen.

Was können wir tun, die wir ihn nicht vergessen werden?

Ein Museum errichten? (Ich sehe sein entsetztes Gesicht, die abwehrend erhobenen Hände. Höre sein unnachahmliches, baltisches "Erbarmung! ")

Eine Straße nach ihm benennen? Dazu besteht wenig Aussicht in einer Zeit, in der das verzerrte Antlitz des Menschen mehr fasziniert als ein fröhliches Lachen. Und die Wertschätzung eines Kunstwerks oft nicht aus ihm, sondern aus seinem Management resultiert. (Als Unikat feierlich in eine Galerie placiert, muss es ja zwangsläufig mehr sein, als vielfältig zu heiterem Spiel in den Händen von Jung und Alt - gekonnt und ungekonnt bewegt, als Räuber oder Teufel womöglich geschlagen und wortwörtlich "verschrieen". Und das bei den Preisen! )

Bleibt, ihn den jungen Menschen zu bewahren. Als einen Mann, der sich mit ungeheurem Fleiß und einer unwandelbaren Treue, mit einer tiefen Frömmigkeit in den Dienst an seiner Kunst stellte. Wie der Stoff, den er zeitlebens in seinen Händen hielt, das Holz seiner Linden, wuchs er, um zu dienen.

Ein Künstler, dem es nicht darauf ankam, dem Publikum oder der Presse ins Auge sehen zu können, sondern vor allem sich selbst.

Der Puppenspieler Rudolf Fischer, Darmstadt

 

Quelle: Theo Eggink, Auszüge aus der Jahresgabe 1965
des Freundeskreises der Hohnsteiner Puppenspiele
in Gedenken an den Künstler und Menschen
Theo Eggink,
7. Juni 1901 in Riga
30. März 1965 in Hohnstein