Die Lebensgeschichte von Max Jacob zusammenzufassen ist eine
nahezu unmögliche Aufgabe. Dem interessierten Leser sei an dieser Stelle die
Lektüre der Monografie: Max Jacob: Mein Kasper und ich - Lebenserinnerungen
eines Handpuppenspielers empfohlen. Es ist antiquarisch meist noch zu erhalten (www.zvab.com).
Um das Wesen Max Jacobs begreifen zu können, sei an dieser
Stelle auf die einleitenden Worte von Friedrich Arndt verwiesen:
VOM WESEN UND WIRKEN MAX
JACOBS
UND DER HOHNSTEINER
Vor rund 20 Jahren schrieb Max
Jacob dies Buch "Mein Kasper und ich". Es kommt jetzt in fast unveränderter
Auflage neu heraus, nur wenige Umstellungen sind vorgenommen worden. Einige
der im Buch genannten Persönlichkeiten haben andere Tätigkeitsfelder an
anderen Orten gefunden, oder sie sind leider inzwischen verstorben, wie Max
Jacob auch. Die Verdienste dieser Persönlichkeiten haben aber Bestand, so wie
Max Jacob sie geschildert hat.
Bestand hat auch dies Buch
selbst nach so langer Zeit. Es ist von bleibendem Wert schon insofern, als es
ein Stückchen Zeitgeschichte darstellt. Max Jacob hat die verschiedensten
politischen Zustände und Lagen erlebt. Er hat sich in den unterschiedlichsten
gesellschaftlichen Schichten bewegt. Er ist aus einfachen Verhältnissen zu
einer Persönlichkeit aufgestiegen, die Geltung, Anerkennung und Achtung in
der ganzen Welt erlangt hat. Darüber hinaus aber hat man Max Jacob geliebt.
Das gilt für Menschen aller Rassen, Weltanschauungen und Altersstufen, für
Freunde und Fremde, Familienmitglieder und die Mitarbeiter. Ich glaube, dass
Max Jacob niemals irgendeinen Feind gehabt hat. So konnte er auch ein guter Präsident
der UNIMA (Union Internationale de la Marionette) sein. Er verstand es, alle
Schwierigkeiten, alle in so einer Welt umfassenden Organisation manchmal
unvermeidlicherweise auftretenden Spannungen mit Klugheit und auf oft
humorvolle Weise zu lösen. Er festigte dadurch die internationalen
Beziehungen der Puppenspieler in der ganzen Welt. Es ist erstaunlich, aber für
den, der Max Jacob gut gekannt hat, nicht verwunderlich, dass dieser Mann, der
von Natur aus so schlicht war, solch eine bedeutende Persönlichkeit wurde,
die Menschen zusammenführen und miteinander in Freundschaft verbinden konnte.
Er selbst war Handpuppenspieler.
Doch ließ er alle anderen Puppenspielgattungen neben dem Handpuppenspiel
nicht nur gelten, sondern er schätzte die Vielfalt und Vielschichtigkeit des
Puppenspiels und förderte alle Arten, so gut er nur konnte. Dabei stellte er
sich sowohl den Berufskollegen als auch den Laien-Puppenspielern zur Verfügung.
Einen Anfänger nahm er genau so ernst wie einen erfahrenen und bedeutenden
Berufs-Puppenspieler. Mit Sorgfalt und Einfühlung beobachtete er das Spiel
eines jeden. Nach dem Spiel spendete er Lob und gab behutsam Anregungen für
Änderungen, die der Aufführung vielleicht noch größere Wirkung verleihen könnten.
Dabei überließ er es jedem, von seinen Vorschlägen anzunehmen oder zu
verwerfen, was der Betroffene für richtig hielt.
In den vielen Lehrgängen, die
Max Jacob gegeben hat, war er ein freundlicher, hilfsbereiter Lehrer, der es
nicht nur verstand, die Technik und Theorie des Handpuppenspiels zu
vermitteln, sondern der auch die Freude an dieser schönen Kunst zu wecken
verstand. Er schuf überhaupt ein lehrbares System, das gültig geblieben ist
und heute noch immer angewandt wird. Gerade in unserer Zeit scheint sich eine
Wiedergeburt des Handpuppenspiels, genauer gesagt sogar des Kasperspiels
anzubahnen, denn viele junge Menschen beginnen sich wieder mit dem Kasper zu
beschäftigen. Es wird dabei sowohl an die Hohnsteiner
Spielweise angeknüpft, als auch an die volkstümliche Art. Diese Hinwendung
zum Kasperspiel scheint mir beachtenswert zu sein.
Als Max Jacob mit seinem Spiel
begann, war Handpuppenspiel auf dem Jahrmarkt zu Hause. Max Jacob, und mit ihm
einige andere Puppenspieler, wandten sich von den Derbheiten des
Jahrmarktkaspers ab und bewirkten eine Reform, durch die das Kasperspiel nicht
nur für Kinder, sondern auch und gerade für Erwachsene einen neuen Wert in künstlerischer
Hinsicht bekam. Diese Reform hatte weit reichende Folgen, hat bedeutende Änderungen
hervorgerufen und wirkt immer noch weiter. Die Spielweise ist als Hohnsteiner
Stil ein Begriff geworden. Unter ihm ist in technischer Hinsicht die Loslösung
der Handpuppe von der Spielleiste und damit die Eroberung des Bühnenraumes zu
verstehen; inhaltlich wird darunter der Weg von einfacher, vordergründiger,
oft sehr grober Kost zu sensibleren Spielen verstanden, die auch das
Aufgreifen literarischer Stoffe für die Erwachsenen möglich machte. Max
Jacobs Kasper beherrschte seine Spiele als eine Gestalt, die sich allem
Positiven im Leben zur Seite stellte, und zugleich sich nicht scheute, zu
allen aktuellen Problemen Stellung zu beziehen. Dieser Kasper war weder
autoritär noch antiautoritär, er war einfach unautoritär und verkörperte
ein Stück gesunden Menschenverstandes.
Das alles war möglich, weil die
ganze Hohnsteiner Arbeit von der Einfachheit und
Warmherzigkeit Max Jacobs getragen wurde. Mich selbst hatten diese Wesenszüge
bereits angesprochen, als ich Max Jacob zu ersten Male in Hamburg spielen sah.
Ich war damals ein junger Mensch und liebte das Puppenspiel. Ich ahnte nicht,
dass unsere Lebenswege aufeinander zuführten und wir eines Tages gemeinsam
dem Hohnsteiner Werk dienen würden. Ich hatte
schon viele Jahre Puppentheater gespielt, ehe ein gütiges Geschick mich
Mitarbeiter der Hohnsteiner werden ließ. Ich
wurde nicht nur in diesen Arbeitskreis aufgenommen, sondern auch wie
selbstverständlich in die so genannte Kasperfamilie. Zu ihr gehörten alle
Mitarbeiter Max Jacobs und deren Angehörige. Der Begriff Familie kennzeichnet
die enge Zusammengehörigkeit, die absolute Vertrautheit der einzelnen
miteinander mit allen ihren Vor- und Nachteilen, wobei letztere aber auch noch
als Positivum in das Leben eingebracht wurden.
Es gab keine schriftlichen
Anstellungsverträge; es galt das Wort. Jeder fühlte sich dem Ganzen
verpflichtet und verantwortlich. Niemand schaute auf die Uhr. Niemand grenzte
sich durch Ressortdenken ein und gegenüber anderen ab. Eine hohe Arbeitsmoral
herrschte, ohne dass dies dem Einzelnen bewusst gewesen wäre. Wir wären
sicher sehr verwundert gewesen, wenn man uns auf diese Tatsache aufmerksam
gemacht oder deswegen gar gelobt hätte. Sie war einfach eine Selbstverständlichkeit,
die sich aus der Grundhaltung der Jugendbewegung und der Art und Weise Max
Jacobs ergab.
Ein wenig davon leuchtet auch in
den Lebenserinnerungen Max Jacobs durch. Ich habe das Gefühl, als schaue mir
Max Jacob über die Schulter, während ich dies schreibe. Ich meine, ihn still
und etwas verschmilzt lächeln zu sehen; und es könnte
sein, dass er gesagt hätte:

»Nun geheimnisse
nicht zu viel in mich, mein Leben, unsere Arbeit und die Kasperfamilie hinein.
Das hört sich zwar alles sehr angenehm an und
ich lasse es mir auch gefallen, wenn man etwas Gutes an allem findet.
Vorgenommen hatte ich mir das alles aber nicht. Es ist mir einfach so
zugewachsen. Und es hat Spaß gemacht, mir, euch und anderen auch. Und das ist
wohl mehr als genug.«
Das mag sein. Dennoch muss ich
noch hinzufügen: Mir ist Max Jacob doch mehr geworden. Er war als
Puppenspieler mein großer Lehrmeister. Darüber hinaus aber wurde er mein
Vorbild und Freund, weil er ein guter Mensch war. Und wie mir ist es sicher
vielen anderen Menschen auch gegangen. Was könnte man Besseres über einen
Menschen sagen!
Oststeinbek,
im Juni 1981
Friedrich Arndt
Quelle:
Friedrich Arndt: Vom Wesen und Wirken Max Jacobs und der Hohnsteiner; in: Max
Jacob: Mein Kasper und ich - Lebenserinnerungen eines Handpuppenspielers, 2.
verbesserte Auflage 1981, Ogham Verlag, Stuttgart, ISBN 3-88455-602-9