Harald Schwarz

 

Home
Nach oben

____________

Diese Seite wird statistisch aufbereitet mit Google-Analytics

*   *   *

Links:

Hamburger
Puppentheater

*   *   *

Puppenspiel-
Portal

*   *   *

Unima
Deutschland

 

 

Harald Schwarz
(1921-1995)

 

Harald Schwarz bei einer Gastspielreise in Mähren verstorben
Erinnerungen von Otfried Preussler

Quelle: Kulturzeitschrift Sudetenland, Heft 3/95.

Persönlich kennen gelernt haben wir uns Mitte der Sechzigerjahre. Damals spielte er im nahen Raubling den „Räuber Hotzenplotz". Fast wäre die Aufführung ins Wasser gefallen, denn der Große und Böse Zauberer Petrosilius Zwackelmann hatte die Stimme verloren. Na und? Ich bin einfach eingesprungen, das Buch war mir ja nicht ganz unbekannt. Und dann hat es eine große Gaudi gegeben. Mit viel Frechheit und Glück sind wir über die Runden gekommen. Seither sind wir befreundet, bis vor einem Jahr noch auf Sie und Sie.

Harald Schwarz, 1921 im deutschbömischen Teplitz-Schönau geboren, ging gleich nach der Matura bei Altmeister Max Jacob im Kasperhaus Hohnstein in der sächsischen Schweiz zur Lehre. Dort hat er sich eine grundsolide Ausbildung erworben und wurde Puppenspieler von Beruf, „aber auch aus Berufung", wie er hinzufügt. Mit dem „Hohnsteiner Kasper" bestritt er seine Stücke bis in die Hotzenplotz-Zeit. Dann begann er sich mehr und mehr von ihm zu lösen und entwickelte seine eigenen, auf moderne technische Möglichkeiten zugeschnittenen Stil.

 

 

Seine Stücke waren einfache, für Kinder durchschaubare Märchen voller Farbe, Bewegung und Phantasie. (Und nicht ohne dezenten pädagogischen Unterton, wie er ihn dem verehrten Publikum schuldig zu sein vermeinte.) Nicht nur die Handlung mit ihren Texten stammte von ihm; er komponierte auch die Musik dazu, die mehr war als eine bloße Begleitmusik. Tänze spielten eine große Rolle in seinen Stücken. Und nicht nur die Puppen ließ er tanzen, auch Blumen zum Beispiel, auch Schmetterlinge, auch bunte Blätter.

Früh schon streckte er seine Fühler „nach drüben" aus, in die böhmische Heimat. Noch zu Zeiten des Eisernen Vorhangs, der so eisern für ihn nicht war, gelang es ihm, mit tschechischen Kollegen in Verbindung zu treten, von ihnen zu lernen, sie an den eigenen Erfahrungen teilhaben zu lassen. Offenbar hat man damals an offizieller Stelle Puppenspieler ebenso wenig ernst genommen wie, beispielsweise, Autoren von Kinderbüchern. Da hatten wir stets einen gewissen Narrenstatus, den es zu nützen galt.

Zeitweise hat Harald Schwarz emigrierte tschechische Kollegen an seinem „Hohnsteiner Puppentheater" (so heißt es noch immer) beschäftigt. Regelmäßig hat er seine Akteure nach eigenen Entwürfen in Prag herstellen lassen, auch die Bausteine der Bühnenbilder und die Requisiten. Seine Stücke hießen „Vier Märchen von einem Drachen", „Speckkönig, Kuchenkönig, Katzenfürst" oder „Fuchsjagd". Am eindruckvollsten fand ich seinen „Rübezahl" mit dem böhmischen Musikanten und der verzauberten Baßgeige.

Seit langem spielte er ohne Vorhang, lediglich hinter einer Spielleiste mit Vorderwandverkleidung. Versatzstücke tauchten aus der Tiefe auf und verschwanden wieder. Zu den Handpuppen der Anfangsjahre hatten sich Stabpuppen hinzugesellt. Dann und wann bestritt er das Spiel auch mit bloßen Händen, über der Spielleiste auftauchend und sich wiegend, sich Bälle zuspielend, Luftballons: schiere Poesie.

Oftmals ist Schwarz auf Gastspielreisen im Ausland gewesen; als erstes deutsches Puppentheater flogen die Hohnsteiner nach Südamerika, ein Jahr später in die USA. Vor allem jedoch hat er regelmäßig deutsche Schulen und Kindergärten in Südtirol „bespielt", wie das wohl im Amtsdeutsch heißt. Er, der Deutsche aus dem Grenzland, hat immer wieder das Grenzland aufgesucht - seit der großen politischen Wende auch die ehemals deutsch besiedelten Grenzgebiete der böhmischen Länder. Das hielt er für seine selbstverständliche Pflicht, da er doch seine Heimat im Königreich Böhmen wusste - in jenem imaginären Königreich, aus dem man uns nicht hat vertreiben können. Auch der Herr Benes und seine Revolutionären Garden nicht.

Er hat drüben vor deutschen und tschechischen Kindern gespielt; bald auf deutsch, bald auf tschechisch - manchmal auch, sozusagen, auf böhmisch: alternierend in beiden Sprachen. So hat er auf seine Weise unermüdlich versucht, um Verständnis zwischen Deutschen und Tschechen zu werben, und dies von den Wurzeln her.

Wie oft er in Böhmen gewesen ist, in den mährischen Randgebieten - ich weiß es nicht. Einmal hat man ihm ausgerechnet in seiner Geburtsstadt Teplitz die Benzinleitung seines Wagens durchgeschnitten; ein andermal ist ihm in Mährisch Schönberg der ordnungsgemäß vor dem Hotel geparkte VW-Bus gestohlen worden. „Mensch!" habe ich ihn gefragt. „Kann das alles bloß Zufall sein?" Da hat er gelacht und die Sache weggewischt.

Demnächst, auf der Rückreise aus den böhmischen Ländern, wollte er wieder einmal in Bayern spielen, vor den behinderten Patienten der Orthopädischen Kinderklinik in Aschau. Umsonst natürlich. Dazu sollte es nicht mehr kommen.

Er hatte seine diesjährige Herbsttournee kaum richtig begonnen, da ist mein Freund Harald Schwarz am Abend des 11. Oktobers im mährischen Zwittau, dem heutigen Svitavy, plötzlich verstorben. Am Vormittag hatte er noch in Mährisch Trübau vor deutschen, am Nachmittag vor tschechischen Kindern gespielt. Während seine Frau dann in Zwittau den Saal besichtigt hat, wo die für den nächsten Tag vorgesehenen Aufführungen stattfinden sollten, ist Harald Schwarz draußen während eines Gespräches vornüber gesunken. Plötzlicher Herztod, der Tod eines Puppenspielers.

Ich denke mir, vor die Wahl gestellt, welchen Tod er dereinst erleiden möchte: er hätte sich keinen anderen wünschen können. Was für ein würdiger, was für ein diesem königlich böhmischen Patrioten und Puppenspieler angemessener Tod!

Ich stelle mir vor, er wird jetzt im Böhmischen Himmel sein, wo denn sonst. Von Zeit zu Zeit wird er dort mit dem Herrn Weiland Erzdechanten von Ober Politz, dem seiner Streiche halber berühmten Hockewanzl beisammensitzen - und mit dem Herrn Maler und Schriftsteller Josef Capek aus Hronov, dessen „Geschichte vom Hündchen und vom Kätzchen" er unter dem Titel „Patz, Tatz und Nimmersattz" auf seiner letzten Tournee gespielt hat. Dort droben werden sie, um sich die ewige Seligkeit zu vertreiben, mit Vorliebe Marriage spielen, denk ich mir -„Marriasch", wie man bei uns gesagt hat. Und zwischendurch werden sie sich natürlich ein gutes dunkles Smichover Bier genehmigen aus dem himmlischen Bräuhaus. No, zum Wohlsein, die Herren!

Inszenierungen
1962 Die rote Lu
1963 Die rote Lu
1964 Das geheimnisvolle Ei
Der Barometermacher auf der Zauberinsel
1965 Die gestohlene Großmutter
Gabi und das rote Auto
Das Puppenspiel vom Doktor Faust (Hohnsteiner Fassung)
1966 Der Räuber Hotzenplotz
Undine
1967 Der Räuber Hotzenplotz
Undine
Speckkönig, Kuchenkönig und Katzenfürst
1968 Mississippi und die Zauberäpfel
Die Memoiren des Herrn Schwejk
1969 Andraschek, Juraschek, die Räuber von Maria Kulm
Die Memoiren des Herrn Schwejk
1970 Drei Schweinchen, die den Wolf nicht fürchten
1971 Tiger Peter
1972 Die Insel der blauen Hunde
Drei Schweinchen, die den Wolf nicht fürchten
1973 Die Fuchsjagd (Die Ente Peppino)
1974 Die Fuchsjagd (Die Ente Peppino)
1975 Die Geschichte vom Hündchen und Kätzchen (nach Capek)
1976 Speckkönig, Kuchenkönig und Katzenfürst
1977 Lisinka
1978 Drei Schweinchen, die den Wolf nicht fürchten
1979 Die Geschichte vom Bären Tapp
1980 Tiger Peter
1981 Vom Pferdchen, das die Farben verloren hat ...
1982 Vier Märchen von einem Drachen
1983 Die Fuchsjagd (Die Ente Peppino)
1984 Speckkönig, Kuchenkönig und Katzenfürst
1985 Drei Schweinchen, die den Wolf nicht fürchten
1986 Die stolze Baßgeige - eine Rübezahlgeschichte
1987 Die Geschichte von Tapp dem Bär
1988 Lisa aus dem Böhmerwald (Neufassung von Lisinka)
1989 Speckkönig, Kuchenkönig und Katzenfürst
1990 Die Abenteuer des kleinen Tigers (Neufassung Tiger Peter)
1991 Vier Märchen von einem Drachen
Die Insel der blauen Hunde
1992 Die Insel der blauen Hunde