Gerhard Berger

 

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Wie ich Hohnsteiner Kasperschnitzer wurde!

Es war im Frühjahr 1938, da wurde im Kasperhaus in Hohnstein ein Laufjunge gesucht. Ich war zu dieser Zeit 12 Jahre, begann die 7. Klasse der hiesigen Volksschule und nahm diese Arbeit an. Meine Aufgabe war: Die im Büro bei Helene Kostors im Kasperhaus angekommenen Bestellungen für Hohnsteiner Puppen in die Schnitzwerkstatt zu Egginks zu schaffen. Auf dem Rückweg nahm ich fertige Köpfe mit ins Kasperhaus, in die Schneiderwerkstatt zu Friedel Kostors. Päckchen und Pakete mit fertigen Puppen brachte ich zur Post. Wenn geheizt werden musste, holte ich für alle Zimmer Kohlen aus dem Keller, somit hatte ich zu allen Räumen des Kasperhauses Zutritt, auch zu den beiden Räumen in der die VerkaufsaussteIlung eingerichtet war. Dort gab es für mich sehr viel Interessantes zu sehen. Zum Beispiel sehr schöne kunstgewerbliche Artikel. Mich interessierten besonders die fertigen Hohnsteiner Kasperpuppen.

Immer wieder musste ich einen Blick darauf werfen. Im Sommer 1939 wurde das Puppenspielhaus (das jetzige Kino) eingeweiht, da waren sehr viele Puppenspielaufführungen. Ich ging in jeder Spielpause mit Postkarten der Hohnsteiner Puppen durch die Sitzreihen und bot sie zum Kauf an. Ostern 1940 verließ ich nach Abschluss der 8. Klasse die Schule. Auf Wunsch meines Vaters sollte ich es einmal im Leben leichter haben als er. Mein Vater war Ziegeleiarbeiter und er musste mit dem Fahrrad jeden Tag 18 km zur Arbeit fahren. Ich sollte in einem Büro arbeiten, eventuell in Hohnstein im Rathaus. Aber davon wollte ich Überhaupt nichts wissen, nach meiner Meinung war es das Scheußlichste, was es gab, hinter einem Schreibtisch zu sitzen und sein Leben lang Papier voll zuschreiben.

 So setzte ich mich durch und fing bei Egginks in der Werkstatt an. Es war am 1.4.1940. Obwohl Herr Eggink wiederholt betonte, er glaube nicht. dass ich einmal ein perfekter Schnitzer werden könne.

Meine Arbeit bestand aus Holzsägen. Mit der Handsäge musste ich von den trockenen Lindenstämmen 12 cm dicke Scheiben absägen und daraus die keilförmigen Klötze für die Köpfe herausschlagen.

Das war für einen 14jährigen sehr schwer. Außerdem musste ich das Schärfen der Werkzeuge übernehmen.

Ich durfte für die Hexe den Zahn und für den Teufel die Hörner anfertigen. Freitags und Sonnabends wurden alle Köpfe, die in einer Woche geschnitzt wurden, von mir angemalt.

Jedesmal wenn ich die Bitte aussprach, ich wolle doch auch einmal versuchen einen Kopf zu schnitzen, bekam ich zur Antwort: Das ist schade um die Zeit und ums Holz.

Ich kaufte dann von Herrn Eggink etwas Holz, ging Sonnabendnachmittag in die Werkstatt und schnitzte einen Seppelkopf (den besitze ich noch). Ich stellte ihn auf meine Werkbank und ging nach Hause. Als ich am Montag wieder zur Arbeit kam, begann ich wie immer mit Holzsägen. Da kam Herr Eggink, fasste die andere Seite der Säge an und wir sägten von da an immer gemeinsam. Am selben Tag bekam ich den Auftrag, einen Räuber zu schnitzen, am übernächsten Tag eine Hexe und am Mittwoch einen Teufel. Da die Köpfe alle zur Zufriedenheit ausgefallen waren, schnitzte ich von da an alle bestellten Räuber, Hexen und Teufel. Kurze Zeit später wurde Herr Eggink Soldat und ich war allein in der Werkstatt. Plötzlich musste ich alle Typen schnitzen.

1941 zog Ich mit meiner Werkbank ins Kasperhaus, in einen Raum neben der Schneiderwerkstatt. Dort war ich nicht mehr so allein, denn inzwischen war Herr Temporal aus Paris im Kasperhaus eingetroffen (Wir nannten ihn Wolfgang). Er war jeden Tag bei mir in der Werkstatt. Wir haben uns sehr viel unterhalten, er wollte seine Deutschkenntnisse erweitern. Ich besitze jetzt noch eine Menge Skizzen und Zeichnungen von Köpfen, die er bei mir in der Werkstatt angefertigt hat.

Im März 1943 wurde auch ich Soldat. Als ich aus Kriegsgefangenschaft zurückkam, hatte man auf der Burg in Hohnstein eine Werkstatt eingerichtet, dort arbeiteten 5 Männer und stellten Köpfe her. Im Kasperhaus, im meiner ehemaligen Werkstatt malen mehrere Mädchen die Köpfe an.

Ich habe dort einige Tage mitgemacht und gezeigt, wie man die Farben mischt. Als Herr Egging aus Kriegsgefangenschaft zurückkam, übernahm er wieder die Werkstatt, alle die bisher geschnitzt und gemalt hatten, wurden entlassen. Es waren zwar Köpfe.

die bisher hergestellt wurden, aber die Qualität fehlte.

Nun schnitzte ich wieder alle Räuber, Hexen und Teufel, dazu kamen noch Schutzmann und König. Alle anderen Typen schnitzte Herr Eggink selbst.

Anfang der 60er Jahre wurde Herr Eggink krank. So mußte ich mich mit der Anzahl der geschnitzten Köpfe immer mehr steigern bis ich 1964 die Werkstatt ganz übernahm. Zur gleichen Zeit übernahm meine Frau die Schneiderwerkstatt von Frl. Kostors. Die Hohnsteiner Werkstatt in Essen wurde viele Jahre von mir mit Köpfen beliefert.

Die Nachfrage nach Hohnsteiner Kasperpuppen ist so groß, dass meine Frau mit Nähen und ich mit Schnitzen nicht nachkommen.

Gerhard Berger

Quelle:
60. Kasper Brief (Mai 1985);
Freundeskreis der Hohnsteiner Puppenspiele,
Hamburg